Bild aus "Die Erzählungen des Rabbi Nachman"

Miriams Brunnen

Ein Enkel des bekannten Jakob Fisch, eines zugleich reichen und frommen Mannes, den der Baalschem mit beiden Händen gesegnet hatte, daß er uralt werde, und in der Tat, er wurde hundertunddreizehn Jahre alt und sein Gesicht war jung geblieben, erzählte:

»Der Gutshof meines Großvaters lag unmittelbar neben der Stadt Kalew. Einmal, vor Anbruch des Versöhnungstags, schon gegen Abend, als im Bethaus schon alles Volk in den Kitteln stand und unter großem Weinen das ›lautere Gebet‹ sprach, rief der Kalewer Rabbi meinen Großvater zu sich und sagte zu ihm: ›Rabbi Jakob, spannt Euren Wagen an, wir wollen eine Spazierfahrt machen.‹ Mein Großvater wunderte sich sehr, da er aber den Zaddik wohl kannte, erwiderte er kein Wort, sondern sandte nach Hause und ließ den Wagen kommen. Sie stiegen ein und fuhren über die Felder meines Großvaters. An einer Stelle war ein schmaler Wasserstreifen zu sehen. Eilends tat der Rabbi seine Kleider ab und tauchte Mal um Mal unter. Mein Großvater stand dabei und wußte nicht, was er tun sollte. Schon aber zog der Zaddik die Kleider wieder an. Sie fuhren gradeaus ins Bethaus, und er trat vors Pult.

Mein Großvater kam aus der Verwunderung nicht heraus; denn nie hatte er an jener Stelle Wasser gesehen. Nach Ausgang des Versöhnungstags ging er hin und sah sich um, da war nirgends Wasser zu entdecken. So ging er zum Zaddik und sprach: ›Unser Rabbi, Ihr wißt, daß ich Euch nie nach Euren Angelegenheiten frage, nun aber bitte ich Euch, mir zu erklären, was vorgefallen ist.‹ ›Rabbi Jakob‹, antwortete er, ›kommt einmal Miriams Brunnen, der Israel in der Wüste begleitete, unversehens hier durch, was steht Ihr da, statt mit mir drin zu tauchen?‹«